Einladung zum Perspektivwechsel: Was hält unser System zusammen?
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Heute ist Internationaler Tag der Demokratie. Als systemische Coachin frage ich mich einmal mehr: Was hat das große gesellschaftliche System eigentlich mit jedem einzelnen von uns zu tun?
Wir erleben in Deutschland schon seit geraumer Zeit einen deutlichen Rechtsruck, bei dem extreme Positionen immer weiter in die Mitte unseres gesellschaftlichen Systems rücken und der Ton spürbar rauer wird. Es scheint – wie so oft in der Geschichte – immer wieder jemanden zu brauchen, auf den das Negative gerichtet werden kann.
Jemanden, der schuld ist.
Jemanden, der „das Problem“ verkörpert.
Jemanden, auf den Angst, Wut und Ohnmacht abgeladen werden können.
Kurz: Einen Sündenbock.
Dieses Phänomen kann weltweit beobachtet werden.
Im Coaching halte ich mich als Person zurück. Ich biete einen geschützten Resonanzraum für meinen Coachee, der mit seinem Anliegen im Mittelpunkt steht. In diesem sehr persönlichen Prozess geht es aber nicht selten auch um Werte und wie dieser Mensch sein Leben individuell gestalten will.
Am Internationalen Tag der Demokratie will ich daher ausnahmsweise meine ganz persönlichen Gedanken teilen. Als leidenschaftliche Vertreterin unserer Demokratie und ihrer Werte finde ich es wichtig, aktuelle Entwicklungen klar zu benennen und ihnen entgegenzutreten.
Denn Demokratie ist für mich kein beliebiges Spielfeld.
Sie ist ein hohes Gut. Sie ermöglicht uns, frei zu sprechen, unterschiedliche Perspektiven zu vertreten, zu widersprechen, unsere Lebensentwürfe zu leben und Konflikte auf politischem und gesellschaftlichem Weg auszuhandeln.
Und genau deshalb braucht Demokratie Menschen, die klar für ihre Werte einstehen.
Für Menschenwürde.
Für Freiheit.
Für Vielfalt.
Für Gleichwertigkeit.
Und gegen Ideologien, die diese Grundlagen angreifen.
Gleichzeitig interessiert mich als systemische Coachin die Frage: Was passiert eigentlich in uns Menschen, wenn wir jemanden zum Feind machen?
Ich glaube, dass darunter häufig unbewusste Scham als treibende Kraft liegt. Die Scham, nicht zu genügen. Nicht richtig zu sein. Abzuwehren, wenn ich mich eigentlich schwach, hilflos oder verletzlich fühle. Es scheint kurzfristig betrachtet leichter, diese Gefühle nach außen zu richten, als ihnen in uns selbst zu begegnen. Uns verletzlich zu zeigen. Scham ist schmerzhaft und wuchtig. Ihr ausweichen zu wollen, macht vor keiner politischen Gesinnung halt. Der Gegner trägt dann nur einen anderen Namen.
Das bedeutet für mich ausdrücklich nicht, demokratiefeindliche Positionen zu relativieren.
Ich glaube aber, wir sollten nicht aufhören, miteinander ins Gespräch zu gehen. Fragen zu stellen. Wo demokratische Grundwerte angegriffen werden, eine klare Haltung zu zeigen. Andere Lebensrealitäten versuchen zu verstehen oder sie uns zumindest greifbarer zu machen. Und vielleicht auch wieder Begegnung möglich zu machen, bevor aus Unterschiedlichkeit ein Feindbild wird. Es birgt die Chance auf Bewegung und Fortschritt.
Denn Gesellschaft ist ein System. Und wir alle sind Teil davon.
Wir gestalten es mit – durch die Art, wie wir streiten, Grenzen setzen, urteilen und miteinander umgehen.
Vielleicht brauchen wir deshalb beides. Selbstreflexion und Klarheit.
In unserer Demokratie darf ich sehr klar sagen: Dafür stehe ich. Das ist mir wichtig. Hier ist meine Grenze.
Und gleichzeitig kann ich mich fragen:
Was passiert gerade in mir?
Was löst dieser Mensch in mir aus?
Und was könnte meine Reaktion mit meiner eigenen Scham zu tun haben?
Denn vielleicht ist Scham nicht nur etwas, das uns klein macht. Unbewusste Scham ist machtvoll. Nicht selten führt sie dazu, dass wir andere klein machen oder klein halten – weil wir das, was wir in uns selbst nicht fühlen oder anerkennen können, lieber im Außen bekämpfen. Wir schämen uns, also beschämen wir. Spaltung ist eine Konsequenz. Das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist aber ein evolutionär tief verwurzeltes Grundbedürfnis. Wenn dieses Bedürfnis durch Beschämung, soziale Ausgrenzung oder das Gefühl von Wertlosigkeit verletzt wird, reagieren Menschen psychologisch extrem sensibel. Wir suchen Gruppierungen auf, die uns dieses Gefühl der Zugehörigkeit geben. Ich glaube, dass es oft eine brüchige Zugehörigkeit ist. Denn je fester wir mit uns selbst verbunden sind, desto weniger brauchen wir einen Sündenbock.
Einladung zu einem Perspektivwechsel: Scham kann auch als Wertekompass dienen.
Wenn wir lernen, unsere Scham wahrzunehmen, statt sie sofort abzuwehren oder nach außen zu projizieren, können wir vielleicht klarer für unsere Werte einstehen – ohne jeden Andersdenkenden zum Feind machen zu müssen. Wir halten uns nicht zurück und ziehen beschämtes Schweigen vor. Demokratie lebt vom harten Diskurs. Und sie lebt davon, klare Grenzen zu setzen. Für mich persönlich verläuft diese Grenze genau dort, wo die Würde des Menschen verletzt wird und wo demokratiefeindliche Hetze beginnt. Da gibt es für mich nichts zu verhandeln. Genau dort endet für mich der konstruktive Diskurs und Demokratie muss verteidigt werden. Die feine Linie liegt für mich darin, wie wir diese Grenzen ziehen: Tun wir dies, um den anderen als Menschen komplett zu entwerten und zu beschämen? Oder tun wir dies aus einer tiefen Klarheit für unsere eigenen Werte heraus?
Das ist für mich ein persönlicher und gleichzeitig zutiefst gesellschaftlicher Grundbaustein von Demokratie:
Demokratie braucht Haltung.
Demokratie braucht Grenzen.
Und Demokratie braucht Menschen, die unterschiedlich sein dürfen, ohne einander zum Feind zu machen.
Abschließend lade ich Dich zu einem Gedanken ein: Woran würde ein Mensch, der eine ganz andere Meinung vertritt als Du, bemerken, dass Du Deine Grenze aus einer Haltung innerer Klarheit ziehst?
Wenn Dich das Thema angesprochen hat und Du Dich diesem oft tabuisierten Gefühl der Scham ein wenig annähern willst, empfehle ich zum Einstieg, die Podcast-Folge mit dem Schamforscher Dr. Stephan Marks im Hotel Matze anzuhören.
Hoffnungsvoll
Katharina Schwarzelbach – Persönliche Gedanken zum Internationalen Tag der Demokratie

